Letztes Jahr wurde das Zentral-Abitur in Nordrhein-Westfalen eingeführt. Es gab eine Menge Geschrei. 2007 war ja auch mein Abiturjahrgang, deswegen haben meine damaligen Mitschüler und ich sehr wohl die Verzweiflung unserer Lehrer gesehen, da sie nicht wussten, worauf genau sie uns denn da vorbereiten sollten.
Wenn uns zitiert wurde, was denn bei Konferenzen so gesagt wurde, dann mussten wir alle grummeln. Genauso wie unsere Lehrer nunmal auch.
Entweder die Prüfungen, die nun an jedem Gymnasium und jeder Gesamtschule in NRW gleich sein sollten, wären zu schwer geworden, so dass die Landesregierung, die das Zentral-Abitur so eilig eingeführt hat, ordentlich blamiert wäre, weil so wenige ihr Abitur schaffen – oder das Abitur wäre so leicht geworden, dass jeder Vollidiot plötzlich ohne Arbeit ein 1,*-Abi bekommt. Womit die Landesregierung natürlich ebenfalls total blamiert wäre.
Als wir dann in den Prüfungen saßen, merkten wir alle, wie man dieses Dilemma auflöste: Die Klausuren sind so gestellt, dass Vollidioten hier und da ein paar tiefhängende Früchte pflücken und punkten konnten, aber andererseits mit so verdammt schweren anderen Details ausgestattet waren, dass nur ganz ganz wenige zu gute Noten bekamen. So kann man die Noten aller Abiturienten besser im Voraus planend am Durchschnitt ansiedeln. Welch geschickte Taktik. Ist der Öffentlichkeit überhaupt nicht aufgefallen.
Nun ja, dieses Jahr ist ja gerade frisch das zweite Zentral-Abitur in NRW vorbei. Okay, fast. Jetzt stehen erst noch einmal die Nachprüfungen an. Irgendwann kam aber dieser Skandal auf, dass die Mathematikprüfung viel zu schwer sei. In den Zeitungsartikeln (Hier: Westdeutsche Zeitung) wurde insbesondere eine Aufgabe erwähnt, in der es um Berechnungen im dreidimensionalen Raum mittels Vektor-Algebra geht:
Es wurden teilweise Eckpunkte eines Oktaeders im Raum definiert (Wie auf dem Bild zu sehen). Konkret: Die Punkte A, B, C und S1 sind gegeben und den Rest mussten die Schüler sich selbst herleiten, wenn sie noch mehr Koordinaten brauchten.
Alexander Paulitschek ging gelassen in seine Mathematik-Abiturprüfung: Mit einer glatten Eins vorbenotet, freute sich der Krefelder Schüler auf einen Siegeszug in seinem Paradefach.
Hier wird ein Schüler vorgestellt, der sich tierisch über die Aufgabe aufgeregt hat.
Zum Schluss blieb für die Oktaeder-Aufgabe nur noch eine halbe Stunde. Viel zu wenig. Der 19-Jährige, der Medizin studieren möchte, zuckt mit den Achseln [...]
Die eigentliche Aufgabenstellung dieser erwähnten Oktaeder-Aufgabe war in Aufgabenteil a.) und b.) gegliedert:
a.) Den Abstand zweier paralleler Seitenflächen eines Oktaeders nennt man „Dicke des Oktaeders“. Berechnen Sie die Dicke des abgebildeten Oktaeders als Abstand des Punktes C von der Ebene ABS1 . (8 Punkte)
Okay, es wird leicht nachvollziehbar der Begriff der Dicke eines Oktaeders definiert. Oder wem es nicht leicht vorkommt: Über diese Definition hat sich kein Schüler aufgeregt. Und es auch noch erklärt, wie man speziell die Dicke dieses Oktaeders ausrechnet. Einfach “Abstand des Punktes C von der Ebene ABS1″ ausrechnen.
Abiturienten lernen eigentlich, wie man den Abstand eines Punktes von einer Ebene ausrechnet. Zumindest die mit “Sehr gut” vorbenoteten. Man macht das mit der “Hesse-Normalform”, welche allen aufmerksamen Schülern als “HNF” in den Hinterkopf eingeht. Es ist keine Sache großer Intellektueller Vorarbeit oder ähnlich, sondern es geht so schnell, wie man nur den Bleistift über das Papier bewegen kann. Natürlich können das “Befriedigend”-Kandidaten aus dem Mathe-Grundkurs möglicherweise nicht, aber da haben sie ja auch ihre Note her. Schockierend ist, dass ein Einser-Kandidat dies und die folgende Teilaufgabe b.) …
Bestimmen Sie die Koordinaten der Eckpunkte P6 und P8 des abgebildeten Würfels. (8 Punkte)
… nicht in 30 Minuten schaffte. Wobei letztere Aufgabe durch Addition von ein paar Vektoren zu lösen ist.
Dieser Schüler fand es zu schwer. Viele andern fanden es ebenso zu schwer. Die Eltern fanden es dann natürlich auch zu schwer und die Lehrer sind froh, wenn diese Aufgabe als zu schwer galt, weil sie dann auch schön entlastet sind. Zumindest ein bisschen.
Mich stört hier aber ganz gewaltig, dass diese Aufgabe nicht zu schwer war. Sie war völlig legitim gestellt. Das eigentliche Problem ist, dass diese Diskussion total davon ablenkt, dass das ganze Schulsystem völlig verhunzt ist und niemandem auffällt, dass das Bewertungssystem Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen auf dem Papier weg bügeln und flicken muss, anstatt dass man daran arbeitet, solche Unterschiede garnicht erst entstehen zu lassen. Das Zentralabitur wäre überhaupt kein Problem gewesen, wenn Kinder nicht schon ab der vierten Klasse solch extrem verschiedene, viel zu früh zukünftige Karrieren beeinflussende Wege gehen müssten.
Nein. Man beleuchtet weinende Gymnasiasten, die nur eine “Sehr gut” anstatt einer “Sehr gut plus” (Bzw. 15 Punkte) geschafft haben, weil das Klausurniveau über das buntfarbige Malen von Koordinaten in ein Koordinatensystem hinaus ging.